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Der Herbst hat uns fest im Griff und die Flut an Veröffentlichungen auch. Sie wird auch nicht weniger in letzter Zeit. Unzählige, teilweise recht verschiedene Platten lagen hier stapelweise in den letzten Monaten herum. Erst eine sorgfältige Auswahl brachte Ordnung und die ein oder andere lohnende Platte zum Vorschein, welche im Folgenden besprochen und vorgestellt werden...
Ala Muerte "Santa Elena" CD (Public Guilt)

Im New Yorker Stadtteil (Queens) wohnhaft, und in eher zarten Klanggefilden beheimatet ist die unter dem Pseudonym ALA MUERTE antretende Musikerin Bianca Bibiloni. Auf ihrem Album "Santa Elena" geht es ein wenig experimenteller daher, als auf der neuen Lia Ices Scheibe. Aufgenommen wurde bei Bibiloni daheim, direkt in den Laptop. Alle Instrumente wurden dabei von ihr selbst eingespielt, alle verwendeten Field-Recordings selbst aufgenommen. Dissonante Sound-Collagen und zerrissen wirkende Gitarrenschnipsel legen das Fundament für die super reduzierte, latent düstere Musik, zu deren melancholischen Charakter auch der warme, klagende Gesang Biblionis beiträgt. Vom musikalischen Ansatz und von der Vortragsweise her erinnert mich das ALA MUERTE Album am ehesten an Scheiben von Kathy Cashel, ohne deren Stilistik auch nur im Ansatz zu imitieren. (Konstantin Hanke)
Akimbo "Jersey Shores" CD/LP (Neurot Recordings)

Anfangs ist nur ein seichtes Wellenrauschen zu hören, dazu ein meditativ-repetitives Bassriff, das irgendwie unehrlich Entspanntheit vortäuscht. Ein wenig später setzt die Gitarre mit einer unruhig, naiv-unschuldig wirkenden Tonfummelei ein, die gekonnt mit dem Bass kontrastiert und dadurch der Eindruck von falscher Ruhe noch verstärkt. Das dann wiederum etwas später einsetzende, etwas fahrig verspieltes Schlagzeug bringt eine nervöse Unruhe in den Klangraum, bevor das Stück "Matawan" dann nach etwa anderthalb Minuten zu den Worten "Don't forget the tide, she asks a heavy toll, her beasts dressed in blue" in ein bedrohliches Rockmonster erupiert. AKIMBO befassen sich auf "Jersey Shores" inhaltlich mit einer zwölf Tage andauernden Serie von Hai-Attacken an der Küste New Jerseys im Jahre 1916. Es ist ihnen auf vorzügliche Art und Weise gelungen die unheimliche Atmosphäre, beklemmende Angespanntheit, die Angst, die Brutalität und die Ungewissheit dieses Ereignisses adäquat in Klang zu transformieren. All die Unbedarftheit, Unschuldigkeit und naive Hilflosigkeit der Menschen, aber vor allem die Eleganz und Brutalität des Tieres finden fast leitmotivisch ihre musikalischen Entsprechungen im Konzeptalbum der Jungs aus Seattle. Diese Scheibe ist, wie der Protagonist der inhaltlichen Handlungsebene, ein wahres Biest! Wie gewohnt verbinden AKIMBO 70s-Heavy-Rock-Riffing mit Stoner-Feeling und einer gehörigen Portion Dreck. Neu im AKIMBO-Klangkosmos ist die atmosphärische Tiefe. Das Album besitzt eine wahnsinnige Dynamik. Mit unglaublich wenig Instrumentarium (ja, die Jungs sind tatsächlich noch immer nur zu dritt, benutzen lediglich Gitarre, Bass und Schlagzeug) werden enorm unterschiedliche Stimmungen erzeugt, dass einem schon allein von dieser Leistung schwindelig werden könnte. Durch das Hinzufügen des thematischen Sinnzusammenhangs, erhalte die Stücke dann noch zusätzlich eine Deutungsebene. Es ist unglaublich welche assoziative Kraft der Klang mit dem Wissen um die konzeptionelle Ebene besitzt. "Jersey Shores" ist keine lose Songsammlung, sondern ein konzeptionell und musikalisch absolut stimmige Vertonung von Naturgewalten, Emotionen und Gedanken. Die quälend beklemmende Grundstimmung der Platte lässt auch den Wechsel von Alternative Tentacles zu Neurot Recordings plausibel erscheinen. AKIMBO scheinen ein extremes Bedürfnis zu haben, sich auszudrücken: in schöner Regelmäßigkeit und in relativ kurzen Abständen veröffentlicht die Band aus dem Nordwesten der USA nun schon seit 2001 ihre Alben. Die hier vorliegende ist bereits die sechste in besagtem Zeitraum. Meiner Meinung nach auch die beste, weil ausgereifteste und stimmungsmäßig spannendste AKIMBO-Platte bisher. (Konstantin Hanke)
Beatglider "Witches" CD (Enraptured)
Ein etwas sonderbares und komplexes Album, das BEATGLIDER hier abliefern. Es sind nicht die Songstrukturen, die es so schwer fassbar machen, sonder seine ungeheure Vielschichtigkeit und musikalische Breitbandigkeit. "Witches" besitzt die gleiche fluffige Leichtigkeit, die etwa das Anfang des Jahres erschienen Album "Three" der britischen Südküsten- und Labelkollegen von JUNKBOY inne hatte. Zugleich wohnt aber allen Stücken auch eine fast greifbare Beklemmung inne. Shoegazing-Verträumtheit und narkotische Melodien werden mit Folk-Elementen zu mal glückseligen, mal unheilsverkündendem Dreampop verschnürt. Das ganze klingt sehr typisch englisch, ohne dass ich genauer beschreiben könnte, was ich damit meine. Neben einem unverkennbaren Folk-Einschlag, ist auch ein gewisser Syd-Barret-Psychedelic-Einfluss nicht zu verkennen. Das Album ist insgesamt vielleicht mehr Post-Rock (in der ursprünglichen, rock-dekonstruierenden Bedeutung) als es die unzähligen süßlich-klebrigen SIGUR ROS-Imitate oder derben MOGWAI-Nacheiferer jemals sein könnten. "Witches" macht vielleicht nicht beim ersten Hördurchgang "klick", offenbart aber mit jedem weiteren Durchlauf eine ungemeine Tiefe. Eher eine Platte zum Hinhören, als zum nebenbei Hören. (Konstantin Hanke)
Benea Reach "Alleviat" CD (Tabu Records)
Eine der besten skandinavischen Hardcore Bands der letzten Jahre war meine Meinung nach SELFMINDEAD. Vor all der in den späten 1990er Jahren losgetretenen Hysterie um Bands wie REFUSED, ABHINANDA und BREACH gingen die Releases der Schweden jedoch irgendwie unter. Als sich die Band 2003 nach fast zehn Jahren auflöste, beschlossen die beiden Gründungsmitglieder Ilkka Viitasalo und Marco Storm (aka Marko Hautakoski) es noch einmal mit einer anderen Band zu versuchen, zogen nach Oslo, Norwegen und stellten eine Band namens BENEA REACH auf ziemlich solide Füße. Schon mit ihrem 2006er Debüt “Monument Bineothan” konnten sie mit ihrer fiesen Mischung aus Skandi-Groove und düsterem Sludge überzeugen. Während sie in heimatlichen Gefilden dafür immerhin für den Spellemannprisen ("Norwegischer Grammy") nominiert wurden, erhielten sie in Mitteleuropa aber eigenartigerweise keine breitere Aufmerksamkeit. Das könnte sich jetzt ändern, denn mit "Alleviat" haben sie ein unwahrscheinlich überzeugendes Argument aufgenommen. Auf einem dicken Metal-Fundament ruhend und mit einer entsprechenden Produktion im Rücken, musizieren sich die Skandinavier frei von irgendwelchen Genrebeschränkungen munter durch alle Krachsegmente. BENEA REACH haben den saucoolen Skandi-Groove und die treibenden Direktheit, die SELFMINDEAD so auszeichnete, rüber gehievt ins Metal-Lager und verknüpfen diesen mit düsterer NEUROSIS-/ISIS-Beklemmtheit und einer schwerfälligen Heaviness à la MASTODON oder TIME TO BURN. Trotz viel Pose und “dicker Hose” macht sich die Scheibe so unwahrscheinlich gut in den Gehörgängen; weil hier nicht ständig sich selbst zitiert bzw. anderweitig bekanntes kopiert wird. Statt dessen wird unwahrscheinlich frisch, unverkrampft und progressiv mit dem ausgelutschten Genre "Metalcore" umgegangen. "Alleviat" ist definitiv eine der besten Scheiben in diese Richtung seit Langem! (Konstantin Hanke)
Benoît Pioulard "Temper" CD (Kranky)
Multiinstrumentalist Benoît Pioulard, der eigentlich Thomas Meluch heißt, veröffentlicht mit "Temper" sein zweites Album. Vordergründig ist alles beim Alten geblieben: Pioulard geht den auf "Précis" eingeschlagenen Weg konsequent weiter und baut ihn zu seinem Markenzeichen aus. Die bekannte, warme und sanfte Stimme und die leicht schrammelig wirkenden, lichten Kompositionen, die allesamt auf Akustikgitarrenmelodien basieren, werden immer wieder durch kleine Zwischenspiele durchbrochen. Diese hat Pioulard daheim analog aufgenommen, und das ist es auch, was seine Musik ausmacht: Ungeschönter quasi-Pop in seinen Gesangsstücken und weite, helle Klangcollagen in den Zwischenspielen. Die flächigen Field-Recording-Methoden, derer sich Pioulard dabei bedient haben ein erstaunlich hohes Niveau und weisen immer wieder zahlreiche Texturen auf, die nur beeindrucken können. Die Fotografien des Artworks stammen von Benoît Pioulard persönlich und sie scheinen direktes Abbild der 16 Stücke auf "Temper" zu sein: Überbelichtet, pixelig, ausschnittartig, farbig. Schöne Platte.
Rating: 8/10
Black Elk "Always A Six, Never A Nine" CD (Crucial Blast)
Geisha "Die Verbrechen Der Liebe" CD (Crucial Blast)
Noism "±" CD (Crucial Blast)
Hier die neuesten Veröffentlichungen aus dem Hause Crucial Blast in einem kurzen Abriss. Schon das Debut Album von Black Elk aus dem Jahr 2006 war gelungen, aber was die Band nun mit "Always A Six, Never A Nine" raushaut, schlägt die erste Platte konsequent. Black Elk spielen hektischen, aggressiven, wie schweren Noise-Rock mit komplexen Strukturen und abgefahrenen, bis zum Himmel reichenden Harmonien. Paranoide Rhythmen und abgefuckter Gesang und immer durchwoben von vielschichtigen Ambiancen mit atmosphärischen Elementen. "Always A Six, Never A Nine" ist beeinflusst von den Großen des Untergrunds wie Jesus Lizard, Melvins oder Hammerhead.
Die nächste Band sind Geisha aus Bristol, UK mit ihrer CD "Die Verbrechen Der Liebe". Was man da zu hören bekommt, ist schon eine seltsam-interessante Angelegenheit. Über eine Stunde dauert dieses düstere, monolithische Monster. Schwarzer, psychedelischer, noisiger Rock mit Elementen des Sludge, White Noise und allerlei Klangverzerrungen. Dann, nach 5 Stücken folgt ein Wechsel mit dem finalen, über 30 Minuten dauernden Track "Theme From Diana". Langsam steigert sich dieser epische Brocken aus Drone, Voice Samples, schweren Gitarren und Industrial Elementen. Kurz vor Schluss, implodiert diese Klangkonstruktion dann in einer Skullflower würdigen Noise Wand.
Noch härter und verrückter geht es bei Noism aus Tokyo, Japan zur Sache. 1999 hat Tomoyuki Akiyama Noism gegründet, um hochkomplexe, zerstörerische Metal/ Grind Attacken zu schaffen. Programmierte Highspeed Drums, verrückte Riffs und schräge Klangattacken scheinen die Lautsprecher in die Knie zwingen zu wollen. Noism schafft den ultimativen Metal Breakdown. Alles wirkt wie kurz vor dem Bersten. Maschinengewehrfeuer durchgehend. Lange hält man das aber nicht aus. Man denkt beim Hören in etwa an eine Pig Destroyer CD die fehlerbedingt weiter skippt. So verrückt wie das einerseits anmutet, so stumpf wird es bereits nach wenigen Minuten, was aber mit Sicherheit von Tomoyuki Akiyama bewusst intendiert ist.
Rating: 7/10
Christina Carter "Original Darkness" CD (Kranky)

Deutlich mit Kathy Cashel Reminiszenzen ausgestattet ist "Original Darkness", das dritte Kranky-Soloalbum von Christina Carter. Carter, die auch Mitglied der Texanischen Psych-Improv-Folk-Band CHARALAMBIDES ist, zelebriert auch auf ihrem neuesten Werk eine Folk basierte, super minimalistische, schräge Impro-Musik, die sich fast ausschließlich auf Gitarre (akustisch und elektrisch) und Stimme beschränkt. Arrangement der Stücke und Gesagsstil erinnern dabei frappierend an den Cashelschen Ansatz. Die Gitarreneinsprängsel sind dabei keineswegs tragende Elemente der Musik; sie liefern nur einen lockeren Boden, über die sich Carters mal zärtliche, mal energische, mal flehend winselnde Gesangsbeiträge legen. Das ganze klingt sehr zerbrechlich, verletzlich, im Endeffekt beklemmend, ja fast verstörend. Die reduzierten, monotonen Stücke sind in der Rezeption nicht ganz einfach, entfalten jedoch eine ungeahnte Kraft und Schönheit, wenn man sich nur darauf einlässt. (Konstantin Hanke)
Crisis Never Ends "Kill Or Cure" CD (Prevision)
Klischeehafter hätte etwas, das freiwillig in die Metalcore-Ecke gestellt werden will, nicht gemacht werden können. Vom Artwork, über das Geplänkel-Intro bis hin zum süßlich-klebrigen, ungeheuer zahmen Kuschelmetal ist hier alles zwar in sich stimmig, ab so ekelhaft typisch. Wer sich zum zigtausendsten Mal die selben Riffs, die selben stupide stampfenden Drumpatterns, die immer gleich klingenden Songs, die selben Gehalt vortäuschenden Texte anhören will bekommt wonach er verlangt. CNE klingen anbiedernd wie Sau, erfüllen jedwede Erwartungshaltung, betreiben pure Geschmacksbefriedigung. Nischen-Entertainment in Reinform, welches versucht über den Image-Trick mit der Hardcore-Maske halbwegs bodenständig zu wirken. Es bleibt hier beim Versuch. So einige Kids werden sicher ihre Sportübungen dazu machen und die Scheibe abfeiern, eine lange Halbwertszeit hat "Kill Or Cure" trotzdem nicht. (Konstantin Hanke)
Darsombra "Nymphaea" CD (Public Guilt)
"Nymphaea", ein einzelner Track, ist bereits seit mehreren Jahren im Live-set von Darsombra gewesen und als Studioversion nur auf einer CD Compilation im letzten Jahr erschienen. Nun wurde vom originalen Song, der auch auf der CD enthalten ist, extra für diese, auf 250 Stück limitierte CD von 12 verschiedenen Künstlern Remixe angefertigt. Das Ergebnis kann sich zwar sehen lassen und ist fast durchweg interessant zu hören, aber so ganz erschließt sich der Sinn dieser Veröffentlichung nicht. Enthalten sind auf "Nymphaea" folgende Künstler: Max Bondi & Bleeding Heart Narrative, Pulsoc, The Guilty Connector, Ala Muerte, Perfekt Teeth, Magicicada, Strotter Inst., Destructo Swarmbots, Blood Fountains, Decimation Blvd. And Darla Hood, The Heirs Of Rockefeller , sowie Le Knell. Die Aufmachung überzeugt voll und ganz und wurde von Chase Middaugh gestaltet, der ja durch seine Arbeiten bei Suishou No Fune, Aidan Baker & Beta Cloud oder Heavy Winged, bekannt ist. -
Rating: 7/10
Dirk Serries "Microphonics" LP (Tonefloat Records)

Nachdem Dirk Serries im Jahr 2005 VidnaObmana zu den Akten legte und Fear Falls Burning ins Leben rief, präsentiert er uns mit "Microphonics" nun die ersten Aufnahmen unter seinem Geburtsnamen. Rein technisch gesehen, sind die Stücke auf "Microphonics" unter leicht anderen Vorraussetzungen entstanden: Mit einer anderen Gitarre (1976 Gibson Les Paul Custom aka Black Beauty) und einem kleineren Verstärker. Auch die Effekte sind reduzierter als bei Fear Falls Burning. Trotzdem ist die Herangehensweise ähnlich loopbetont, jedoch viel pointierter und dichter in ihrer Gesamtheit. Die vier Stücke auf "Microphonics" sind ausladend und ins Weite rollend, offen, meist licht und dezent fein gewoben. Sie wirken verletzlich, warm und im Gegensatz zu FFB sehr persönlich. Nicht verwunderlich, so stellt diese Art des Musizierens für Dirk Serries doch die Basis und Essenz von all seinem Schaffen als Musiker dar. Der Charakter von "Microphonics" ist in keiner Weise so mystisch-düster, beklemmend und drückend wie es oft bei FFB der Fall ist. Hier ist der Blick auf den Horizont weit und offen, man steht auf einer Anhöhe, betrachtet die untergehende Sonne über einem Gewässer, monumentale Baumschatten und Vögel die sich vom Wind treiben lassen. Ur-Erfahrung. "Microphonics" ist eine entspannende, sanfte wie runde und voll klingende Platte, die sicher auch Liebhaber im Drone Bereich finden wird, denen FFB bislang nicht allzu spannend vorkam.
Natürlich ist diese LP wie bei Tonefloat Releases üblich mit aller Sorgfalt und Liebe zum Detail gestaltet: 180g Vinyl, Gatefold Cover mit minimalistischer Aufmachung und schönen Großstadtaufnahmen von Martina Verhoeven. Neben der Standard Ausführung auf schwarzem Vinyl (350 Exemplare), auch limitiert (150 Exemplare) auf durchsichtigem Vinyl zu haben.
Rating: 8.5/10
Enablers "Tundra" CD (Exile On Mainstream)
Mit ihrem neuen Album "Tundra" sind die Enablers nun in Europa auf Exile On Mainstream gelandet und veröffentlichen das neue, 10 Song Album in einer auf 1300 Stück limitierten Holzbox, die handnummeriert ist und ein Booklet mit sämtlichen Lyrics und Sticker enthält. Für eine gelungene äußere Präsentation ist also gesorgt. Musikalisch dreht sich immer noch alles um die einprägsame Erzählerstimme von Pete Simonelli, die durch die 10 Stücke auf "Tundra" führt. Der poetische, narrative Charakter ist es, der die Enablers ausmacht und entweder man findet daran gleich Gefallen, oder es wird sich eben nie erschließen, worum es bei dieser Art von Musik geht. Stimmungsvergleiche zu Slints "Spiderland" kommen einem in den Sinn. Intensiv, emotional und dunkel geht es auf "Tundra" zu. Faszinierend ist, dass mir eigentlich keine Band aktuell bekannt ist, die in einer ähnlichen Richtung so gekonnt agiert. Beim Namen "Enablers" weiß man sofort worum es geht: Dramatische Soundlandschaften, die immer um die Spoken Word Lyrics von Simonelli kreisen, sich darum herum schlängeln, Kontrapunkte setzen und ab und an ausbrechen. Das allgemein übliche Konzept von Lyrics, die sich der Musik unterordnen, wird bei den Enablers durchbrochen, was zu einem interessanten Spannungsbogen über eine Spielzeit von über 30 Minuten führt.
Rating: 7/10
Ensemble Economique "At The Foot Of Nameless Roads" CD (Digitalis Industries)

Ein besseres Artwork könnte es wohl für diese Veröffentlichung kaum geben. Außen hohe Berge, eher Vulkan und innen das "mentale Auge" in einer alten Abbildung wie sie gerne aus esoterischen Kreisen kommt. Diese monumentalen Eindrücke offenbaren sich auch beim Hören von "At The Foot Of Nameless Roads", einem Titel der auch gut in diese Bilder und Symbole passt, wie mir gerade beim Schreiben dieser Rezension auffällt. Ensemble Economique ist das Solo Projekt von Brian Pyle, besser bekannt durch die Starving Weirdos. "At The Foot Of Nameless Roads" ist von der sogenannten modernen Welt weit entrückte Musik, in der Technologie überhaupt keine Rolle zu spielen scheint. Der Klangeindruck von "At The Foot Of Nameless Roads" weckt beim Hören Assoziationen an einen Berganstieg im Urwald, den man im Fieberwahn bestreiten muss: Schwitzen bis zum Erbrechen und links und rechts des Pfades immer wieder unruhige Bewegungen, Gestalten die umherhuschen. Vodoo-Kult. Ensemble Economique ist durchaus Musik, die einen verfolgt und unruhig macht, gleichzeitig aber hypnotisiert und fesselt. "At The Foot Of Nameless Roads" ist voll von zwar kakophonischen Melodien, die aber gleichzeitig unheimlich faszinieren und meditativ erscheinen. Das Artwork stammt von Jefre Cantu-Ledesma von Tarentel. Limitiert auf 500 Stück.
Rating: 8/10
From Monument To Masses "Beyond God And Elvis" (Golden Antenna) MCD

Nach langer Abstinenz (zuletzt vor drei Jahren gab es zwei frische Stücke auf dem Remix-Album "Schools Of Thought Contend"; das letzte Studioalbum liegt gar fünf Jahre zurück) gibt es nun dieses kleinformatige Lebenszeichen von FROM MONUMENT TO MASSES. Dieses fungiert gleichzeitig als Appetizer für das im Januar 2009 erscheinende neue, dritte Album des US-Trios. Musikalisch bewegt sich das Ganze wie gewohnt durch einen fummelig-verspielten Klangraum, werden angeschrägter Indie- und Instrumental-Rock mit elektronischen Versatzstücken und Sprachsamples verbunden. Was im vergleich zu früherem Material auffällt, ist die fröhliche Leichtigkeit, die Einzug im Hause FMTM gehalten hat. Das Titelstück "Beyond God And Elvis", welches hier in der Original- sowie in zwei Remix-Varianten enthalten ist, wird auch auf dem Album zu finden sein, während "The Role Traverse" exklusiv auf diesem Release erscheint. Die CD-Version enthält außerdem zwei Live-Video-Clips. (Konstantin Hanke)
Impure Wilhelmina "Prayers And Arsons" CD (Get A Life! Records)
Lange schon besteht die Schweizer Band, seit 1995 um genau zu sein, und hat zahlreiche Besetzungswechsel hinter sich, was aber der hohen Qualität und Spielfreude, der 9 auf "Prayers And Arsons" vorgestellten Stücke keinen Abbruch getan zu haben scheint. Von der ursprünglichen Besetzung ist dabei nur der Gitarrist und Vokalist Michael Schindl übrig geblieben. Dies ist bereits die achte Veröffentlichung der Band. Wirklich bekannt bin ich mit den anderen Alben der Genfer nicht wirklich, aber "Prayers And Arsons" überzeugt durch eine Vielzahl an Stilrichtungen und Melodiebögen, die geschickt und intelligent ineinander verwoben sind und dabei alles abgrasen was von noisigem Hardcore und Metal, bis Doom und Rock, reicht. Dieser große Bogen führt sogar immer wieder zu einem sensiblen Pop Gefühl, das den Stücken immer wieder unterliegt. Stücke wie "Travel With The Night" oder "The Rope zeigen das hohe Potential der Band und die lange songschreiberische Erfahrung von, vermutlich, Michael Schindl.
Stimmungsmäßig bleibt man insgesamt irgendwo zwischen Melancholie, Wut und Trauer hängen. "Prayers And Arsons" ist alles andere, aber nicht stumpf und plump. Leider muss man aber auch festhalten, dass Impure Wilhelmina eher Insiderstatus genießen und sich das auch durch dieses gelungene Album nicht ändern wird, was einem irgendwie schon leid tut, bei soviel guten Ideen, Spannungsbögen und einer Gitarrenarbeit die durchweg überzeugt. Das Artwork des Digipacks ist zwar nicht sonderlich aufregend gestaltet, aber gelungen.
Anspieltips: "Travel With The Night", "The Rope"
Rating: 8/10
iM.G.R. y Destructo Swarmbots! "Amigos De La Guitarra" CD (Neurot Recordings)

Michael Gallagher von Isis und Mike Mare, bekannt als Destructo Swarmbots haben sich letztes Jahr in Brooklyn verbündet um "Amigos De La Guitarra" zu werden und dies auf einem über 42 Minuten dauernden Einzeltrack namens "Amor en el Aire" zu zelebrieren. Dass Ergebnis dieser Kollaboration erstaunt erstmal wenig und fügt sich nahtlos in das Oeuvre von Mike Gallaghers Solosachen und dem Mustard, Gas & Roses Decknamen ein. Ruhige Gitarren und nachdenkliche Ambiancen in Abendstimmung eben. Man muss Zeit mitbringen um die beiden "Amigos De La Guitarra" zu verstehen und um zu begreifen, was sie da eigentlich auf "Amor en el Aire" treiben. Langsam baut sich der Track mit Akustikgitarren auf und wird lauter, schwellender, dröhnender... fast noisig, um dann wieder merklich abzunehmen, sich beinahe gar gänzlich zu verlieren. Dies geschieht dann aber doch nicht, vielmehr schlägt das Stück eine andere Richtung ein, aber mit der selben melancholischen Grundmelodie. Das zieht sich dann wiederum über Minuten hin, in denen vordergründig kaum mehr passiert, wie zartes Gitarrenspiel. Aber irgendwann kehrt die Flut wieder zurück, und umspült alles umso lauter und dröhnender... verliert sich diesmal fast in übersteuerter Lautstärke und Rückkopplungen. Maschinelles Klackern lässt den Hörer am CD-Spieler zweifeln. Nein, nichts ist kaputt. Die Gitarren peitschen im Hintergrund laut weiter, während im Vordergrund das Wummern und übersteuerte, noisige Dröhnen dominiert. Gegen Ende läuft das Stück schimmernd aus... Layout ist gelungen, und man darf daher auf die Vinyl Euro Version gespannt sein. Wobei, dann müsste man ja einen Seitenwechsel vornehmen...
Rating: 8/10
Lia Ices "Necima" CD/LP (Rare Book Room Rec)
Lia Ices ist eine zierliche Junge Dame aus Brooklyn, NY, die auf sämtlichen Fotos so zerbrechlich aussieht, wie ihre Musik klingt. Im Fokus der Stücke steht ganz klar das Miteinander von Piano und Gesang. Dezente, aber sinnvolle Additionen von Streichern, Akkordeon, Klarinette und anderen Instrumenten verleihen den Stücken etwas mehr Tiefe und setzen prägnant Akzente. Der mit einer kratzigen Schwermütigkeit ausgestattet Kammerpop der New Yorkerin erinnert in seiner Fragilität, Schrägheit und spärlichen Instrumentierung an Stücke von Julie Doiron oder Chan Marshall (aka CAT POWER). Inspiriert und ermutigt durch ihre Ausbildung an der "Tisch School in the Experimental Theatre Wing" an der New York University, begann sie ihre Stimme als Transportmittel für Emotionen und als Ausdrucksmittel zu benutzen. Demzufolge müsste ihr Leben ein von eher düsteren Aspekten dominiertes sein, denn Ices leidet, schmachtet und hofft während der acht dahin fließenden Stücken auf "Necima" dermaßen, das man den Eindruck gewinnen könnte es hinge ihr Leben davon ab. (Konstantin Hanke)
Lusca "st" CD (diy)
LUSCA, das sind zwei Bass spielende Menschen aus dem Fränkischen, die mit Hilfe von Drumcomputern und Samplern einen zähen Soundbrei kreieren. Das selbst aufgenommene und in Eigenregie veröffentlichte erste Album beinhaltet insgesamt fünf Stücke, die sich irgendwo zwischen doomigem Sludge und fast Drone-artigem Noise bewegen. Aufgrund der zahlreich eingesetzten Maschinen, haben die Songs auch ein gewisses Industrial-Feeling. Insgesamt unendlich schleppend, unendlich düster. Die Stücke verbreiten eine derartige Hoffnungslosigkeit, dass ich in der Herbst-Dämmerung schon Beklemmungen bekomme. Wer an so geartetem Klangmaterial seine Freude hat bekommt hier aber guten Stoff. (Konstantin Hanke)
My Sleeping Karma "Satya" CD (Elektrohasch Schallplatten)
Schon am Artwork des Digipacks merkt man, dass es hier nicht aggressiv und verkrampft zur Sache gehen wird. Buddha lässt grüssen. Einen Moment später bestätigt mich der Pressezettel mit meinen Vermutungen dann auch: Inhaltlich geht es auf "Satya" um die Konflikte und Menschenrechtsverletzungen in Tibet. Die Grundmotivation der Band ist dabei Entspannung und Euphorie miteinander zu verbinden. Dieser Vorsatz findet sich auch musikalisch auf "Satya" verwirklicht: Liebe für kleine, unscheinbare Details, feine und spannende Melodiebögen, die sich schimmernd auf und ab bewegen und für eine positive Grundstimmung beim Hörer sorgen, obwohl über den Songs eine feine Melancholie zu schweben scheint. Der Sound dieser psychedelischen Rockplatte ist warm und dicht. Bis auf wenige Ausnahmen sind die 12 Stücke instrumental gehalten und "Satya" wirkt wie aus einem Guss. Dynamisch, organisch und ruhig pulsierend. Das Album gibt sich in keinem der Lieder eine Blöße oder schwächelt. Die Arrangements sind mit Bedacht gewählt und zeugen von einem entspannten, intelligenten Songwriting. My Sleeping Karma haben mit "Satya" ein schönes Album eingespielt, das sich bestens eignet, um sich mal eben hinzulegen und seinen Gedanken nachzuhängen. Werde ich öfter anhören.
Rating: 8/10
Jonas Reinhardt "s/t" CD (Kranky)
Ist Jonas Reinhardt eigentlich der Sohn von Django Reinhardt? Ich weiß es nicht, ist aber auch nicht so wichtig, denn unabhängig davon: Diese Platte ist gut! Bewaffnet mit einer Reihe analoger Synthies und alten Drum Maschinen nimmt uns Jonas Reinhardt mit auf die Reise in eine krautige, 70er Jahre inspirierte Klangwelt, in der die Grenzen unklar und sanft verwischt sind. Viele, meist warme Farben, leichte Konraste. Das Album ist eine durchaus hippe Klangmeditation zum Zusammenspiel von Zeit, Mensch und Maschine. Wabernd, licht, einlullend mit vielen Kraut Einflüssen. Cluster sprechen zu uns, Harmonia auch. Reinhardt lebt in Kalifornien und da passen seine Sounds auch gut hin. Nach einem Strandtag mit offenem Verdeck über den Highway eine Stunde heimfahren. Die Sonne ist noch warm, hat aber ihre Mittagshitze bereits verloren. Trotzdem spürt man noch ihre ganze Energie, und parkt beim Bier holen doch besser im Schatten. Angenehm undurchschaubar ist die Platte, obwohl man ohnehin nicht mit großen Überraschungen rechnet, denn viel zu entspannt geht es da zur Sache. Arwork schön "artsy" und gelungen, ich brauch' nicht mehr, um Fan zu sein.
Rating: 8/10
KK Null "Oxygen Flash" CD (Neurot Recordings)
Richtig beschäftigt habe ich mich nie mit KK Null aka Kazuyuki Kishino aus Tokyo, Japan, allerdings ist mir sein Schaffen bei Zeni Geva bekannt. Umso überraschter war ich dann, wie gelungen "Oxygen Flash" ist. Vielleicht liegt es daran, dass KK Null nach über 20 Jahren Beschäftigung mit Gitarrensounds und über 100 Veröffentlichungen nun einen Schritt hin zu mehr elektronisch animierten Soundkollagen getan hat. Gebrochene Rhythmen, zersetzt von fieseren Noise Attacken und minimalistischen elektronischen Klangspielereien sorgen dafür, dass "Oxygen Flash" eine spannungsgeladene, abwechslungsreiche Angelegenheit ist, die man bei den ersten Hördurchgängen kaum durchschaut. Zu undurchsichtig, gebrochen und vielfältig sind die tonalen Experimente, angesiedelt in den weiten Feldern von Electronica, Noise, Drone und Ambient. Störgeräusche wie Detonationen, Knacken, nerviges Fiepen schrecken ab, aber lassen immer wieder offenbar werden, wie erstaunlich zugänglich "Oxygen Flash" trotzdem gehalten ist.
Zwar ist die Aufmachung des Albums nicht sehr spannend und aufwändig gestaltet, aber die Visualisierung der Klangwelten auf "Oxygen Flash" schafft sie dennoch: Man fühlt sich an fremde Welten aus alten Science-Fiction Movies erinnert. "Cosmic noise maximal/ minimalism", treffend formuliert.
Rating: 8/10
Maarten Van Der Vleuten "High Intolerance Towards Low Energies" LP (Tonefloat Records)

Maarten Van Der Vleuten ist ein niederländischer Musiker und Produzent, der bisher unter 26 verschiedenen Künstlernamen Detroit Techno, Electro, House und eher Experimentelles und Ambient aufgenommen hat.
Van Der Vleuten, 1967 geboren, veröffentlicht mit der "High Intolerance Towards Low Energies" LP sein erstes Album unter seinem Geburtsnamen, den er fortan für seinen musikalischen Output verwenden will. "High Intolerance Towards Low Energies" ist eine von Tonefloat sehr ansprechend gestaltete LP, limitiert auf 500 Exemplare, und auf 180g Vinyl gepresst. Das luxuriöse Gatefold Cover mit einem eher rostig anmutenden Artwork trifft gut den submarinen Charakter des Albums: Man meint von der Wasseroberfläche des Meeres langsam abzutauchen, Druck baut sich auf, je tiefer man sinkt. Dröhnen in den Ohren und plötzlich sieht man in der Tiefe ein altes, mächtiges Schiffswrack auf dem Grund liegen. Der Rost zeigt, dass es da schon gar Jahrhunderte liegt. Neugierig und interessiert umkreist man es, aber irgendetwas scheint nicht zu stimmen. Flüstern und Murmeln, wabernde Stimmen und rhythmisches, maschinelles Stampfen. Nervöse, pulsierende Bass- Frequenzen und seltsame, gebrochene Melodiefetzen. Halluzinationen? Tiefenrausch? Man weiß es nicht. Maarten Van Der Vleuten gelingt es auf "High Intolerance Towards Low Energies" ein eigentümlich dichtes Gewirr aus Drohnen und Ambiancen zu schaffen, das in seiner Gesamtheit zu überzeugen weiß. Dass Van Der Vleuten mit dieser LP ein anderes Bild im Kopf hatte als mein submariner Eindruck, ist nicht weiter schlimm. Er legt den Fokus der Interpretation eher auf eine radikale Darstellung unserer sich immer schneller beschleunigenden Umwelt und will diesen Eindruck mit "High Intolerance Towards Low Energies" eingefangen haben. Diese Intention passt auch wunderbar zu dem unruhigen, fast bedrohlich wirkenden Charakter des Albums. Die enthaltenen 4 Stücke offenbaren eine nervöse Welt in der man entweder immer wieder ob der Bildhaftigkeit paralysiert und staunend stehen bleibt oder eben wie im Fieberwahn durch einen Irrgarten voller unruhiger, fremder Stimmen stolpert.
Rating: 8/10
Milton Cross "Light In The West" CD ( Digitalis/ ACE)
Milton Cross ist ein Teil der nicht ganz unbekannten Band Tarentel. Er veröffentlicht mit "Light In The West" eine experimentelle Soloplatte die weitestgehend auf seinem Studium von Geige und Harmonium beruhen. Dass es nicht irgendein Herumexperimentieren ist, wird beim Hören schnell klar. Nicht weiter verwunderlich, denn Milton Cross hat eine musikalische Ausbildung hinter sich. "Light In The West" ist dementsprechend eine vielschichtige Sache, mit vielen organischen Details, die man bei jedem Hördurchgang neu und an anderer Stelle entdeckt. Das Album ist wohl durchdacht, simpel und direkt, was eine dichte Atmosphäre und viele Ebenen ermöglicht. Die dicke, aufklappbare braune CD Hülle passt gut in dieses Bild. Sie wurde dezent, aber passend von Eden Hemming Rose gestaltet. "Light In The West" ist auf 500 Stück limitiert. Insgesamt ein angenehm bescheidenes, unorthodoxes Album.
Rating: 7/10
Monno "Ghosts" CD (Conspiracy Records)
Schon das eintönige, schwarz-graue Artwork macht deutlich: Hier führt der Weg durch dunkle Nebelschwaden und schwarzen Frost. "Ghosts" macht sicher keinen Spaß und positive Gefühle oder Stimmungen wollen beim Hören auch nicht gerade aufkommen. Röhrende Gitarren, meditativ hallende Stimmen, und metallene, statische Drums... so geht das minutenlang. Brutal, eiskalt, schwere Riffs... psychotische Panikattacken, kranke Vocals... so stellt sich "Ghosts" dar.
Zwar ist die banale Kälte und die eintönige Schwere der 5 Stücke durchaus beeindruckend, aber schon nach kurzer Zeit sehnt man sich dann doch nach mehr, worauf man aber auf "Ghosts" vergeblich hoffen darf. Hier wird ein Lebensgefühl vermittelt, das sich dann doch noch einige Etagen tiefer befindet als die großen Seemonster aus den Fabeln des Mittelalters, die sich in unseren Zeiten als Riesenkraken entlarvt haben und immer wieder tot ans Ufer gespült werden oder Fischern ins Netz gehen.
Rating: 7/10
Oblong Box "13th Floor" 3" CD-R (Public Guilt)

Die Klanglandschaften auf dieser nur auf lächerliche 100 Stück limitierten 3" CD-R ziehen ihre Einflüsse aus alten 60er Jahre Horror Kinostreifen. Ist das menschliches Röcheln was man da leise vernimmt? Subtile Schwingungen, leises metallenes Klappern, geistig krank wirkende Sprachsamples und klaustrophobe Stimmungen ziehen die Psyche des Hörers an dunkle Orte und bannen sie dort... bis sie regungslos und starr in der Dunkelheit verharrt, unfähig sich zu rühren und zu regen. Gegen Ende wird es lauter, zerfahrenes Dröhnen und schwarze Noiseschwaden. Lieber mal Licht anmachen.
Oblong Box ist Bill Henson, der Mann hinter Housepig Records und die eine Hälfte des Duos von Juhyo aus Minneapolis.
Rating: 7/10
Sirens "The Sound Of Fire" 3" MCD (Let It Ride Records)
Zuerst fällt die nette Verpackung von "The Sound Of Fire" auf: Die 3" MCD liegt in einer kleinen Metallbox, die außen mit dem Bandlogo versehen wurde. Musikalisch werden dem Hörer in knapp 13 Minuten 3 eigene Hardcore Kracher und ein Beyond Cover ("Effort") um die Ohren gehauen. Die Stücke sind treibend, auf den Punkt gespielt und haben alle samt den für Sirens typischen, leidenschaftlichen Gesang. Die Produktion ist ein richtiges Brett und klingt laut und dicht. So erinnere ich mich mal wieder gerne an die Zeit als ich noch dem Hardcore verfallen war. Besonders auffällig sind dieses Mal die starke Gitarrenarbeit mit dem ein oder anderen Solo. Macht Spaß. "The Sound Of Fire" ist auch als 7" Vinyl EP über Cobra Records zu bekommen.
Rating: 7/10
The Eightfold Model "s/t" LP (Tonefloat Records)
Hinter The Eightfold Model verbergen sich keine Unbekannten: Es sind Schneider TM's Michael Beckett und Dirk Serries (Fear Falls Burning). Was haben die beiden uns aus ihrer E-Mail Zusammenarbeit anzubieten? Es sind teilweise sperrige Collagen aus Feld Aufnahmen und FFB-artigen Gitarren, die im Gesamtbild zwar nicht unbedingt immer harmonisch zusammen passen, doch das müssen sie auch nicht. Sie offenbaren vielmehr den rohen, ungehobelten Charakter dieser Zusammenarbeit, der nichts beschönigen oder gar glattschleifen will. Abstrakte Klangskelette reiben sich mit feineren Soundtexturen, die allesamt dunkel aber nicht bedrohlich wirken. Die Zeichnungen des Artworks von Ilan Katin mit all ihren Windungen und kurvigen Formen entspricht und greift ganz gut den verschlungenen, undurchsichtigen Charakter dieses Albums, der vordergründig scheinbar nur über einfache Linien funktioniert. The Eightfold Model entwickeln ihre Vorstellungen gemeinsamer musikalischer Kommunkation sicherlich nicht für jeden, der sich sonst so im Bereich von Feld Aufnahmen oder Ambient tummelt, aber Serries und Beckett haben ein Album geschaffen, welches das Offene Ohr reizt und herausfordert. Man will The Eightfold Model und ihrem E-Mail Code auf die Spur kommen und ihn entschlüsseln, um die versteckten Botschaften direkt und unmittelbar zu lesen. Das 180g Vinyl kommt in einer Gatefold Verpackung und ist limitiert auf 500 Exemplare.
Rating: 8/10
The Kings Of Frog Island "2" CD (Elektrohasch Schallplatten)

The Kings Of Frog Island haben ihre Instrumente für die Aufnahmen ihres zweiten Albums runtergetunt bis zum Anschlag und es dabei aber geschafft, eine warme, fast bluesige Atmosphäre zu schaffen. Die 10 Stücke sind pechschwarz und psychedlisch-verspielt. Zeitweise fühlt man sich an die frühen Monster Magnet erinnert, oder an Black Sabbath und Aphrodities Child. Zwar wird der Hörer auf eine intensive, dunkle Reise mitgenommen, aber er fühlt sich dabei geborgen und behütet aufgenommen in diesem warmen und fein gewobenen, schweren Rock. Doom Elemente und Blues tragen daran ihren Anteil. Am besten spätabends bei diffusem Licht hören, natürlich mit einem Glas Whisky in der Hand und die Flasche immer griffbereit...
Rating: 7/10
Treachery "s/t" CD (Czar of Crickets Productions)
Treachery sind der Eingang zur Hölle. "Verachtung für die heimtückischen und schwachen Eigenschaften der menschlichen Rasse hat zur Bildung von Treachery geführt", so heißt es im Pressezettel. Man ist fast geneigt das zu glauben. Musikalisch wird ein scharfkantiges Pentagramm aus Industrial, Black Metal, Doom und Ambient gezeichnet (ok, wir bleiben bei einem Quadrat...). Es klingt fies und so kaputt und abgefuckt dunkel. Die Teufelszacke hat dabei Frontfrau Rachael Kozak aka Hectate in der Hand, die sie ja auch schon bei Belphegor eingesetzt hat. Ihre Vocals sind derb, schneidend und brennen sich unbarmherzig ihren Weg durch diesen Höllenschlund in 5 Akten. Auch das Artwork spricht Bände.
Rating: 7/10
V/A: Living Bridge 2xCD (Rare Book Room Records)

Guter Einstand für das neue Label aus New York, das sich mit der Living Bridge Compilation auf zwei CDs mit 25 Songs eindrucksvoll als abwechslungsreiches Label vorstellt. Natürlich sind nicht alle enthaltenen Bands und Künstler auf Rare Book Room Records, vielmehr handelt es alles um Musiker, die in den Rare Book Room Studios aufgenommen haben und bis auf ein Stück, alle Tracks extra für diese Compilation aufgenommen haben. Jeder Act wurde einen Tag ins Studio eingeladen und vor der Aufnahme wurde die Bitte mitgegeben, lange Intros und Outros in die Songs einzubauen, so dass die Compilation im Endergebnis homogen und wie aus einem Guss wirkt. Hat größtenteils funktioniert. Mir persönlich gefällt die Compilation sogar viel besser, wie die eigentlichen richtigen Veröffentlichungen von Rare Book Room Records. Enthalten sind auf Living Bridge folgende Acts: Avey Tare, Telepathe, Palms, Black Dice, Tara Jane O'Neil, Samara Lubelski, Blood On The Wall, Silver Jews, Charles Gansa, The Naysayer, TK Webb, Lisa Ices, Theo Angell, Rings, Deerhunter, Enon, Fischerspooner, John Wolfington, La Lus, Doldrums, Silent City, Sam Jayne & The Simpson, Sound System, Tomorrow's Friend, Kapow, sowie The Jewish.
Anspieltips: Palms, Black Dice, Samara Lubelski, The Naysayer
Rating: 7/10
Valerio Cosi "Heavy Electronic Pacific Rock" CD (Digitalis Industries)
Zwar ist Valerio Cosi erst 22 Jahre alt, aber sein Talent ist nicht von der Hand zu weisen: Er spielt in erster Linie ganz wunderbar Saxophon, arbeitet aber außerdem mit verschiedensten Instrumentierungen und Klangerprobungen. Cosi "Heavy Electronic Pacific Rock" ist Cosis erste CD Veröffentlichung und gleich eine monströse wie anstrengende Angelegenheit geworden. Fast eine Stunde dauert dieser Kraut infizierte Ritt, durch den experimentellen, zeitgenössischen Free-Jazz, zerwaschen und vermahlen mit Dronen, Noise und eher östlichen Rhythmen. "Heavy Electronic Pacific Rock" ist streckenweise eine durchaus abgedrehte Angelegenheit, die aber ebenso den Sinn für feinere Strukturen bewahrt, wie zum Beispiel auf dem letzten Stück. Valerio Cosis Instrumentierungen sind eine frische, spannende Angelegenheit, für die man allerdings die nötige Aufmerksamkeit und Nervenstärke mitbringen muss.
Rating: 7/10
Within Walls "Set Me Free" CD/LP (Blacktop!/Cobra X)
Seed Of Pain "First And Last And Always" CD (Let It Ride/Cobra X)
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WITHIN WALLS aus dem österreichischen Dornbirn (am Bodensee) spielen relativ direkten Hardcore, der - mal schnell geknüppelt, mal moshig, mal melodisch rockig - angenehm abwechslungsreich daher kommt. Die zwölf Stücke auf "Set Me Free" bewegen sich irgendwo zwischen TRIAL, DAMNATION A.D. und (frühen) SNAPCASE, weisen aber auch Spuren von frühem Good-Life-Kram (LIAR, KINDRED, CONGRESS) auf. Mit der Nennung der Anknüpfungspunkte wird recht klar, dass sich die Österreicher eher rückwärts gewand orientieren. Dem zu Folge gibt es auf dem Album musikalisch wie inhaltlich (Zitat aus der Labelinfo: "frustration [...] caused by the increasing competion on social status, carreer pressure and material wealth we all have to face"; wie oft hat man so was schon gelesen...) wenig überraschendes zu hören. Alles so schon Mal da gewesen, alles so schon Mal gehört. Bezeichnenderweise gibt es im zehnten Song in Form von "Still I Believe"-Chören ein (verdrehtes) BATTERY-Zitat, bevor dann mit dem wiederholten "A revoltion starts within" REFUSED Respekt gezollt wird (Gut geklaut!). Insgesamt ist die Scheibe durchaus gut gemacht; beim ersten Hördurchgang hatte ich richtig Spaß daran. Nach mehrmaligem Hören stelle ich mir nun aber die Frage, wer denn so eine Platte überhaupt braucht, wenn man auch die "Originale" hervor kramen könnte? Ganz klar: die Leute, die der "guten, alten Zeit" sehnsüchtig nachblicken, eine "Szene", die sich selbstgefällig immer wieder selbst zitiert und dabei borniert und steif wie ein Spaten ist, sowie die nächste Generation, die das ganze hier nochmal brühwarm und in leicht verdaulichen Häppchen vor die Nase gesetzt bekommt. Kulturelle Selbstreferenz und Wiederverwertung als Indikator dafür, dass HC längst in der Popkultur angekommen ist.
Auch SEED OF PAIN aus der Schweiz scheinen sich mit selbsgenannten Referenzen BURN, 108 und OUTSPOKEN eher musikkonservatorisch zu betätigen. Beim Hören der alle bisherigen Releases zusammenfassenden Scheibe "First And Last And Always" erhält man jedoch eine Ahnung, dass die Referenzen allenfalls als ästhetische Orientierung gelten und nicht als Kopiervorlage. SEED OF PAIN bewegen sich zwar ganz klar in der musikalischen Tradition von oben genannten Bands, schaffen es aber ihrem rauen, aggressiven HC wenigstens latent eine eigene Note zu verleihen. Neue musikalische Horizonte werden hier zwar nicht erklommen, aber die Stücke sind passig und wirken ehrlich. Sympathisch auch die erkennbare Moderesistenz. Insgesamt bleibt aber noch viel Luft nach oben, so dass man gespannt auf Zukünftige Ergüsse der Eidgenossen sein darf. (Konstantin Hanke)
Windy & Carl "Songs For The Broken Hearted" CD (Kranky)

Da präsentieren uns die beiden diesmal also 10 Liebeslieder. Nun gut, lassen wir das einmal so stehen und konzentrieren uns auf das Musikalische. Was hat sich verändert seit der letzten 2xCD auf Kranky namens "The Dream House/ Dedications To Flea (2006)? Die Grundstruktur aus Drohnen und Ambiancen ist jedenfalls gleich geblieben, allerdings sind die Stücke wesentlich kürzer und der Gesang von Windy ist auf "Songs For The Broken Hearted" ein dominanter Bestandteil. Ihre Stimme klingt zwar einerseits sanft, aber andererseits ist sie stark, hallend. Sie wirkt nicht auffallend und "menschlich" vordergründig, sondern wie ein Teil der Gesamtkomposition, eine Ebene der vielen schimmernden Klangschichten. Überhaupt, das ganze Album wirkt wie ein fein gewobener Klangteppich aus Gitarren, Keyboard... warm und umhüllend kreisen die Drohnen dem Hörer um das Gemüt und wollen in diese verletzliche "Liebeswelt" entführen, um ihm sämtliche Stadien der Liebe vorzuleben, ihn daran teilhaben, und seine eigenen Erfahrungen mit einbringen zu lassen. Man ist im Gesamtergebnis hin- und her gerissen: Entweder im Hintergrund laufen lassen und sich weiter dem Tagesgeschäft widmen, oder bewusst innehalten und dieser Klangreise ruhig und konzentriert folgen. Windy & Carl wollen vermutlich Letzteres erreichen, vielleicht sogar "Songs For The Broken Hearted" den verletzten und gebrochenen Herzen unter uns als heilenden Balsam reichen...
Rating: 7/10
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